MOCA ist das Museum of Contemporary Art, das Ende der 80er eröffnet wurde. Es sieht auch sehr Ende 80er aus und war bestimmt vor 20 Jahren ein echtes Prunkstück aus grauem Granit und Chrom. Momentan läuft dort eine Ausstellung über das Thema Hiroshima in der Kunst und seine Entwicklung während der verschiedenen Jahrzehnte. Es ist eine sehr gute Ausstellung und innerhalb der Woche ist man quasi allein im Museum. Perfekt und man kann auch teilweise unbeobachtet Bilder machen, da die Security immer wieder einschläft… In der zweiten Ausstellung sitzt der Künstler selber und näht Stofftiere aus Kinderzeichnungen, die dort gemalt und abgegeben werden können. Jeden Tag fertigt er 10 Stück. Dazu waren auch noch andere Werke ausgestellt, bei denen er Meisterwerke kopierte und als Teppich bzw. interaktive Liegewiese vor das Original gelegt hat. So kann man selber in Picassos Guernica spazieren, liegen oder einige Teile darauf verändern. War ein echt toller Tag, nach dem Motto: Nicht nur nachts allein im Museum!
Nachts geht es dann in der Innenstadt richtig ab. Die Restaurants sind überfüllt, die Menschen torkeln besoffen über die Straßen, wenn sie nicht bereits liegen. Sehr ausgelassen würde ich sagen. Ganz im Gegenteil zur ausgestorbenen Stadt tagsüber…das muss die Hitze sein.
Übernachtet habe ich im Flex, einem super Designhotel und sehr günstig war es auch noch. Es ist eine Betonkonstruktion von irgendeinem Stararchitekten mit vielen Ecken und Nischen. Im relativ offen gestalteten Erdgeschoß wurde mitten in den modernen Betonbau ein französisches Café mit Wohlfühlgarantie eingefügt. Kein Möbelstück passt zueinander und alles ist mit einer Patina überzogen, zerlebt oder mit Blechstücken laienhaft geflickt. Dazu schaut man dann von der Terrasse aus auf den Fluss und hört Loungemusik… zum Mittag kalte Tomatensuppe, Pasta und Zitronenkuchen und zum Abend Salat, Käse und Cabernet Sauvignion… sehr entspannend. Mein Zimmer hatte dann obendrein noch einen Blick auf das Bahnhofsviertel… unbezahlbar.
Hiroshima hatte mich vor meinem Trip etwas nervös gemacht, weil ich mich fragte, wie es wohl sein würde und ob es irgendwie ein komisches Gefühl auslöst, aber wenn man dann dort ist, bekommt man absolut keine Vorstellung von dem was dort wirklich passiert ist. Die Stadt ist für japanische Verhältnisse nicht besonders groß, eher verschlafen und alle Gebäude sind nicht besonders alt…klar. Die älteren Leute genießen eine Siesta im kühlen Schatten am Fluss und der Rest flüchtet in die klimatisierten Büros oder Kaufhäuser der Stadt. Mein erstes Ziel war natürlich der Friedenspark mit dem „A-bomb Dome“. Das war die frühere Handelskammer und wurde als einziges zerstörtes Gebäude erhalten und zum Denkmal erklärt. Schockierend wird es dann, wenn man auf den Schautafeln sieht, dass die Handelskammer auch das einzige Gebäude im Umkreis war, das stehen geblieben ist. Im Friedenspark nebenan befinden sind dann ca. 60 andere Denkmäler, die meistens das Wort „peace“ enthalten (Friedensglocke, Friedensmuseum…). Für meinen Geschmack etwas zu viel des Guten. Das einzig wirklich bewegende Monument war das für ein Mädchen, das nach der Bombe 1000 Papierkraniche falten wollte, aber nach ca. 650 an den Folgen der Bombe gestorben ist. Diese Geschichte hat viele Menschen sehr bewegt, so dass sie für das kleine Mädchen die 1000 Kraniche fertig gestellt haben und falten noch bis heute weitere Kraniche, die am Monument ausgestellt werden. Hiroshima hat auch ein Schloss. Das ist aber auch eine Nachbildung, da das Original wie übrigens sehr viele Schlösser in Japan im Krieg zerstört wurde.
Sonntag hatte ich eine Karte für Kabuki im Ginzaviertel reserviert. Das ist das traditionelle japanische Theater mit pompösen Bühnenbildern und aufwändigen Kostümen. Das Ganze ist natürlich auf Japanisch und durch die sehr spezifische Körpersprache, eigentlich nicht zu verstehen. Aber es gibt Gott sei Dank den berühmten Knopf im Ohr, auf dem alles in Englisch erklärt wird. Mein Kabukiabend dauerte ca. 4 Stunden und bestand aus drei einzelnen Stücken, die nicht von allen Gästen gesehen wurden, da einige der Touristen vorzeitig aufgegeben haben (das lohnte sich bei ihrem Kartenpreis von 150 Euro). Das erste Stück habe ich nicht verstanden, aber die Kostüme waren super und es tingelten 40 Schauspieler auf der Bühne rum. Am besten hat mir der „Klopfer“ gefallen. Seine Aufgabe war es, Schritte oder Kampfszenen mit zwei Holzblöcken geräuschmäßig zu dramatisieren. Das ist dann wie bei der Batmanserie: BANG, WOOOSH, POW! Ich habe meinen Traumberuf gefunden: Klopfer im Kabuki! Das zweite Stück handelte von einem stotternden Künstler, der wegen seiner Behinderung nicht zum Meister ernannt wird. Er will sich dann ehrenhaft umbringen und malt aber nochmal vorher sein Portrait mit aller Kraft auf seinen Grabstein. Das Portrait drückt sich dann durch den Stein und alle sind so begeistert, dass er zum Meister ernannt wird. Nummer drei war dann eine Komödie, die wirklich sehr lustig war. Sie handelte von einem Pferdediebstahl. Das Bühnenbild hat sich dabei ständig geändert und im Pferd steckten auch zwei Darsteller. Während es in unserem Theater es nach dem Motto: „Weniger ist mehr!“ zugeht, heißt es im Kabuki: „Viel hilft viel!“. Aber wirklich sehr interessant, nur genügend Sitzfleisch sollte man haben. Am nächsten Morgen ging es dann weiter westwärts nach Hiroshima…
Zurück aus Matsumoto wollte ich nur schnell in mein Hotel in Shinjuku. Aus irgendeinem Grund verwechsle ich immer Shibuya mit Shinjuku und ich wollte eigentlich ein Hotel in Shibuya, aber dann hatte ich doch eines in Shinjuku gebucht…hä? War auch ok, nur ist Shinjuku das Bankenviertel Tokyos und somit auch, wie es sich für einen anständigen Geschäftsmann gehört, das sagen wir mal so … Amüsierviertel für jede Art von Vergnügen und Vorliebe. Wenn ihr noch den Bericht von Shibuya in Erinnerung habt, dann multipliziert diese Reizüberflutung mit 10 und ihr fühlt euch wie ich als ich am Shinjukubahnhof mit meinem Gepäck angekommen bin. Mensch über Menschen und überall blinkende Neonlichter! Also stürzte ich mich ins Nachtleben! Da ich ja schon das ageha und womb im Hafen Tokyos kenne, wollte ich mal sehen wie es so Club-technisch in der Stadt zu geht…ähm anders würde ich sagen. Shinjuku ist vollgestopft mit Clubs, Bars, Restaurants, Strip- und Sexclubs auf mehreren Etagen. Man kann sie nur als Außenstehender nicht voneinander unterscheiden, da alles blinkt und glitzert. Außerdem steht vor jedem Etablissement ein Japaner oder Schwarzer (eingekauft von den Yakuza), der dich in „seinen“ Laden locken will. Wenn ein Japaner davor steht, dann ist das meist auch nur für Japaner gedacht und man wird auch nicht angesprochen. Die Schwarzen allerdings laufen einem auch schon mal hinterher und quatschen dich voll. Da hilft dann auch kein „dame, dame, dame desu ne!“. Ganz witzig finde ich allerdings, dass vor den Stripclubs wie bei einem Restaurent mit Schautafeln geworben wird. Man weiß also auch schon vor dem Stripschuppen, was/wer drinnen „serviert“ wird. In den Clubs nur für Japaner soll es sehr enthemmt mit Publikumsbeteiligung zugehen und die Einrichtungen für Ausländer sollen Nepplokale sein. Ich glaube gern, dass es in den Lokalen nur für Japaner sehr, sehr hemmungslos abgeht, da ich einige schwächere Entgleisungen selbst gesehen habe. Ich war in einem Club, der gerade Jubiläum hatte. Das erkennt man daran, dass davor viele kitschige Blumengebinde als Präsente von anderen Bars und Clubs der Umgebung stehen. Drinnen ist der Eintritt teuer, der Club klein (klar, da Platz in der Stadt rar ist und viel kostet), das Publikum sehr bunt gemischt und die Stimmung enthemmt, sobald Alkohol im Spiel ist. Hier ein Beispiel: Auf der Tanzfläche befindet sich ein Mädchen mit ihren Freundinnen, einem Freund und ihren Eltern als Aufpasser. Der Freund beginnt einen Eiswürfel mit dem Mund an die Freundin und die dann weiter an die anderen inkl. Eltern zu geben. Dann fängt der Freund an mit der Freundin rumzuknutschen. Bisher nicht besonders schlimm, aber dann fängt der Vater an, den Freund zu knutschen, dann die Freundinnen der Tochter. Die Mutter schlägt den Vater und fängt dann selber an, alle inkl. Fremde und anwesende Dragqueens, die dort für die Jubiläumsshow gebucht waren, zu knutschen. Dann hat sie auch noch überlegt, mich abzuknutschen, hat dann aber Gott sei Dank davon abgelassen. Der große weiße Fremde flößt dann trotz Suff noch genügend Respekt ein. One Night in Shinjuku war wirklich ganz lustig, aber das ist mir alles ein wenig zu plump und erinnert eher an Sextourismus in Thailand. Ich halte mich dann doch lieber an die guten Adressen am Stadtrand. Morgen dann volles Kontrast(Kultur)programm: Kabuki Theater in Ginza!
Melde mich zurück von meiner kurzen Pause und werde in den nächsten Tagen von meinen Erlebnissen berichten. Die letzte Woche war absolute Spitzenklasse. Ich habe so viel erlebt, so viel gesehen, so viele Menschen kennengelernt und vor allem so viele Dinge gemacht, die japanischer nicht sein können, dass ich das erst mal rekapitulieren muss. Aber am besten fange ich mal am Anfang an: Matsumoto!
Ich bin am Samstag mit dem Zug nach Shinjuku (Tokyo) und von dort aus gleich nach Matsumoto, das ca. 2,5 Stunden westlich von Tokyo mit dem Schnellzug entfernt ist. Da ich aber mein Gepäck für eine Woche dabei hatte, wollte ich die 30min Aufenthalt am Shinjuku-Bahnhof nutzen, um meine Reisetasche in einem Gepäckfach los zu werden…keine Chance! Ich habe irgendwo gelesen, dass Shinjuku weltweit der Bahnhof mit dem größten tgl. Fahrgastaufkommen von mehreren Millionen ist. Als ich merkte, dass jedes Gepäckfach besetzt ist, habe ich das sofort geglaubt. Also musste ich meine Tasche mit nach Matsumoto nehmen und ich hasse unnötigen Ballast. In Matsumoto habe ich dann erst mal ein Gepäckfach gesucht und auch sofort eines gefunden. 500 Yen, ok… egal und eine 500 Yen-Münze hatte ich sogar auch dabei. Aber die Münze wollte einfach nicht in den Schlitz passen und ich hatte schon an meinen motorischen Fähigkeiten gezweifelt (bei der Hitze wäre das auch entschuldbar). Dann bemerkte ich, dass der Automat nur 100 Yen-Stücke akzeptiert…wie doof ist das denn? Naja, ich habe dann einen japanischen Opa gebeten, mal in sein Portemonnaie zu schauen, ob er mir die 500 Yen klein machen kann. Es hat nicht ganz gereicht, aber egal …ich hatte ja noch eine 100 Yen-Münze extra in der Tasche. Mein einziges Ziel war, endlich die schwere Tasche loszuwerden. Deutlich erleichtert konnte ich mir dann endlich Matsumoto anschauen. Ich bin eigentlich nur dorthin gefahren, da es dort neben Himeji das einzige original erhaltene Schloss gibt. Da das Himejischloss gerade renoviert wird, war also Matsumoto dran. Das Schloss ist nicht so groß, aber wirklich beeindruckend wie man auf den Bildern vielleicht erkennen kann. Im Schloss konnte man bis nach ganz oben in den sechsten Stock klettern, ja klettern, da die Stufen der Treppen unmenschlich hoch und steil sind. Ich weiß nicht, wie die kleinen Japaner das früher gemacht haben. Zumindest konnte man sicher sein, dass auch der Feind nicht so leicht nach oben kommt. Viel mehr hat Matsumoto allerdings nicht zu bieten. Im Reiseführer wird es mit nur 200000 Einwohnern als sehr verschlafen beschrieben und damit haben sie auch recht, aber die Stadt ist so sauber und alles ist neu gemacht. Es wirkte fasst so, als wäre die Stadt erst vor ein paar Jahren komplett neu mit traditionellen und modernen Gebäuden errichtet worden. Ich fand es eigentlich ganz schön und recht gemütlich. Leider hatte ich nicht soviel Zeit, da ich am Abend wieder zurück in Tokyo sein musste, um das sündige Nachtleben in Shinjuku zu erleben. Dazu morgen mehr…